Münster, du seltsame Stadt. 0
Ich habe fünf Semester in Münster gelebt und bin dort vor fünf Semestern weggezogen; dem rechnerisch grundlegend begabten Menschen verrät dies, dass ich mittlerweile ziemlich genau so lange weg bin, wie ich da war. Das stimmt zwar nur bedingt, weil sich bis Anfang des Jahres ein sehr wichtiger Teil meines Lebens nach wie vor mit gewisser Regelmäßigkeit in Münster abspielte, drückt aber ganz gut meine mittlerweile bemerkenswert entwickelte emotionale Distanz aus.
Ich war am Wochenende zum ersten Mal seit Januar wieder in Münster. Zum ersten Mal seit recht genau fünf Jahren strikt als Tourist und nicht mehr als Teilzeitbewohner dieser Stadt. Und meine Fresse, habe ich mich fremd gefühlt. Mal abgesehen davon, dass das Landesmuseum in Trümmern liegt, der Vorplatz des Picassomuseums endlich nicht mehr aussieht wie Arsch, dafür aber der aktuelle Glas-und-Stahl-Fickpisse-Zustand des Hafens von einem weiteren verzweifelten Versuch zeugt, irgendwie großstädtisch zu sein: Münster hat für mich fast alles verloren, was es früher für mich ausgemacht hat. Das festzustellen, ist das Eine. Zu definieren, was genau denn da nun fehlt, das Andere. Und erstaunlich schwierig.
Als ich mit 19 nach Münster gezogen bin, war für mich alles mit mehr als 30.000 Einwohnern zwangsweise Großstadt und aufregend und neu und riesig und ja, natürlich war ich ein Landei. Ich bin’s ja immer noch. Ich musste 20 km ins nächste Kino fahren und 30 in die nächste Disko, was soll man da erwarten. Ich hatte einen gesunden Hass auf meine Heimatstadt, der mich Münster begeistert umarmen ließ. WGs, Radio und Studium haben mich ja auch 5 Semester lang ganz gut beschäftigt und bereut habe ich diese Zeit definitiv nicht. Nur wieder durchleben würde ich sie auch nicht wollen, wer will sowas schon.
Was mir mittlerweile vor allem fehlt und für mich die Stadt, mein Bild von ihr und meine Erinnerungen an sie mehr als alles andere geprägt hat, waren vor allem Freundschaften und die ein oder andere Feindschaft. Und so gerne ich auch den Eindruck erwecke, an letzteren mehr Spaß zu haben als an ersteren, stimmen tut das natürlich nicht. Das Dumme ist jetzt, dass sich Münster extrem geleert hat. Von den wirklich vielen Menschen, mit denen ich in Münster gelebt habe und die mir nach wie vor eine Menge bedeuten, sind nur noch eine Handvoll in der Stadt. Wenn überhaupt. Und ohne diese Menschen ist Münster dann doch nur ein leidlich schöner Haufen äußerlich restaurierter historischer Gebäude zwischen Beton-Zweckbauten für das eine oder andere preußische Amt und ein Sammelbecken chronisch schlechtgelaunter Westfalen, die mich viel zu sehr an mich selbst erinnern. Mit naiven 19 auf dem Dorf verbrachten Jahren übersieht man dann eben doch, was einem mit knapp 25 den Blick auf alles andere versperrt.
Und muss dieser Regen wirklich sein, Münster? Ganz ehrlich?