Ruhe vor dem Sturm / Weg zum Schafott 3
Morgen früh ist der offiziell erste Arbeitstag. Bevor ich also sterbe, hier kurz, was bisher geschah:
Ich bin seit zehn Tagen in Reading und wohne derzeit in einem winzigen Zimmer in Whitley, was sich auf badisch ungefähr mit “Haslach”, “Weingarten”, im Pott mit “Nordstadt” und auf westfälisch mit “Kinderhaus” oder “Wohnpark Werl” übersetzen lässt. Meine Landlady ist aus Algerien, wohnt seit 17 Jahren auf der Insel und unterrichtet französisch und arabisch an der hiesigen Uni und als Aushilfe an einigen Schulen, ihre beiden Kinder (10 und 12) teilen sich ein Zimmer, sind laut und haben mich sehr schnell über einen Auszug nachdenken lassen – nicht, weil sie unausstehlich sind, sondern weil ich etwas naiv gedacht habe, ich könne mit einer fremden Familie zusammenleben. Wie im Grunde für jeden Außenstehenden zu erwarten war, sollte dem nicht so sein. Ergo bin ich seit heute offiziell auf Wohnungssuche und hoffe sehr, dass mich die nette WG in Innenstadtnähe, bestehend aus einer Amerikanerin (die wie ich den tagtäglichen Academia-Wahnsinn aus erster Hand an der hiesigen Uni kennt und einer ebenso netten Griechin, aufnehmen möchte.
Meine beiden Schulen habe ich in der Zwischenzeit kennengelernt und ausführlich besichtigt und mag sie. Beide sind riesige Labyrinthe, die Mädels kichern, wenn sie mich sehen und bei den Jungs sieht’s wirklich aus wie in Hogwarts. Ich darf in Jeans und Sneakers unterrichten, was mir rein finanziell sehr entgegenkommt. Bei den Mädels habe ich mindestens bis November meinen eigenen Raum, den ich wohl morgen fleißig mit Fotos und Landkarten und Gedöns vollkleistern werde. Am 21. muss ich zum Goethe-Institut nach London, vorher kann ich’s mir eh nicht leisten.
Reading selbst ist nicht unbedingt der spannendste Ort der Welt, hat aber auch seine Highlights. Heute etwa habe ich einer alten Frau dabei zugesehen, wie sie sich die Nase brach und ihren Kopf gehalten, bis der Krankenwagen kam. Eine knappe Stunde später saß ich am Kanal und las, als mich ein Zeitungsfritze ansprach und fragte, ob ich etwas von dem Selbstmord vor gut einer Stunde mitbekommen habe, da sei wohl eine Frau vom Dach von Pizza Hut gesprungen. Soviel zum Surrealismus.